Daniel Glaser und Magdalena Kunz

Künstler in Nairs 2011

Daniel Glaser und Magdalena Kunz, Zürich
Das Künstlerpaar ist in der Ausstellung NAIRS Resonanzen 2011 mit der Arbeit „ich und du“ vertreten. Während ihres AIR-Aufenthaltes 2007 in NAIRS entstand die erste Installation von Projektionen menschlicher Mimik auf modellierte Köpfe mit dem Gesicht und der Stimme des Schauspielers und Regisseurs Julian M. Grünthal mit dem Titel „Drehbuch“. Inzwischen haben sie viele weitere dieser Installationen entwickelt und sind damit weltweit unterwegs.“

www.glaserkunz.ch
kontakt@glaserkunz.ch

Luigi Fassi zu ihrer Arbeit „Drehbuch“, entstanden in NAIRS 2007. (Auszug):

„Das Ausstellungsprojekt „Drehbuch“ von Daniel Glaser und Magdalena Kunz ist eine komplexe verbale Geografie, die sich vorwärts tastet, mit essentiellen, direkten Fragen ohne Antworten, die als zufällig gehörte Konversationsfragmente erscheinen. Aus der Unbestimmtheit entsteht allmählich das Themenbild einer radikalen Infragestellung, welche feste Ansichten ins Wanken bringt. Jede Klarheit wird von den Künstlern relativiert und schliesslich ganz ausser Kraft gesetzt.

In der Installation ,Drehbuch’ kauert ein junger Mann, in Decken gehüllt, vor einem Heizkörper am Boden, sich vor der nächtlichen Kälte schützend. Die Szene ist in medias res, etwas ist bereits geschehen, die Vorgeschichte lässt sich bloss erahnen. Wo bin ich? Und wer bist du? Was soll man tun? Die Radikalität der Fragen, die sich der Junge stellt und welchen das Publikum ausgesetzt ist, beschreibt die Atmosphäre eines Monologs, der tastend fortschreitet und einen Ausweg aus einer Situation der Isolierung und des Zwangs sucht. Die Möglichkeiten zu handeln und die Geschehnisse zu kontrollieren werden in Frage gestellt. Fragmente und Reste einer schematischen Biografie tauchen auf. Diese Situation stellt eine für die Jugend typische Entdeckungs- und Wissenslust dar, die Glaser/Kunz mit knappen und wirksamen Details aufzeigen. Die Szenerie ist von einer tiefen Melancholie, verstärkt durch eine nächtliche, dämmrige Stimmung und vom Gefühl der Flüchtigkeit und Vorläufigkeit, welche den Protagonisten umhüllt. Eine sehnsuchtsvolle, abenteuerliche Stimmung, die den Atmosphären von Mark Twains Romanen nahe kommt, dem Gefühl der unvermeidlichen Verwirrung und dem Schauder der frühen Jugend, welche alle Streifzüge seiner berühmtesten Helden, Tom Sawyer und Huckleberry Finn, im Gegenlicht durchblicken lassen.

Klar ist, dass für Glaser/Kunz die Hinwendung zum Fragen als ein philosophisches Projekt verstanden werden muss, das darauf hinzielt, das Publikum zu verblüffen und zum Nachdenken zu verführen. Es handelt sich um einen konzeptuellen Vorgang, welcher der antiken Dialektik ähnelt, insbesondere der sokratischen Mäeutik wo das scheinbar harmlose Fragen sich als scharfes konzeptuelles Werkzeug erweist, um das Selbstverständnis des Befragten zu desavouieren, bis die totale Leere dessen Überzeugungen als Ergebnis falscher kollektiver Meinungen blossgestellt wird. Glaser/Kunz erwecken ähnliche Zweifel beim Betrachter, der in ein immer engeres Gewebe von Befragungen verwickelt wird, welches tief sitzende Sicherheiten und Einsichten zerstört. Die visuelle Stärke der Installation verfolgt den Zweck, den unerbittlich starken Einfluss der Fragen weiter zu verstärken und die Hörer in einen Zweikampf zu verwickeln, in welchem das durch die Beharrlichkeit der Fragen aufgezwungene Unbehagen unvermeidlich ist.

Wie in der antiken Mäeutik das entscheidende Ziel die Suche nach einem echten Bewusstsein war, stellen die beiden Künstler Fragen um Fragen, die zugleich offen und detailliert sind und somit die Spezifität der privaten Existenz eines jeden Menschen berühren und anregen. Doch es werden weder Antworten noch Lösungen geboten, und genau darin liegt der Zündstoff der Kunst von Daniel Glaser und Magdalena Kunz.“