Christian Ratti

Stipendiat 2013 und "Kamindirektor" 2009 - 2013

Kamin_Chronologie_2009_2013ratti_portrait_web 

Christian Ratti, geboren in Chur, lebt und arbeitet in Zürich.

Die Welt als offenes System von Daniel Walser, 2010

Für Christian Ratti scheint es keine Grenzen zu geben, zumindest keine gedanklichen. Er sucht jeweils nicht nur eine ihm gestellte Aufgabe zu lösen, sondern nimmt sich Zeit, den Sinn der jeweiligen Arbeit zu hinterfragen. Ihn interessieren Ansätze, welche aus einer Breite der Möglichkeiten eine Aufgabe angehen. Das konventionelle Werk mit Bild und Rahmen, welches in einem «White Cube» steht, interessiert ihn nicht sonderlich. Er involviert sich lieber direkt in die Lebenswelt und beschäftigt sich mit dem Ausmessen bestehender Konventionen und Denkarten. Ihn amüsiert «die Unklarheit, welchen Status ein bestimmtes Werk hat; wo es anfängt oder aufhört», wie der Künstler selber meint. Was die Aufgabe von Kunst ist, wird von sozialen und gesellschaftlichen Werten definiert und eingeschränkt. Dies zu umgehen und den Status allfälliger Objekte unscharf und zweideutig zu machen ist ein wichtiger Teil seiner künstlerischen Arbeit.

Seine bis anhin wohl konzeptionell stringenteste Arbeit ist der Aufbau einer internationalen Garderobenmarken-Sammlung (2006-2008). Das Werk besteht aus Kleidermarken von internationalen Museen, Theatern oder sonstigen öffentlichen Institutionen. Die Sammlung kann an Museumsgarderoben ausgestellt werden und dabei – wie gewöhnlich – in Gebrauch sein. Die Frage nach dem eigentlichen Werk ist hier wichtig, doch gerade das Faktum, dass er eines Tages alle Marken an den Ursprungsort zurückgegeben wird, stellt auch die Autonomie des Werkes in Frage. Ist das Werk dann nicht mehr existent, obwohl alle Einzelteile auf der ganzen Welt noch vorhanden sind?

Christian Ratti setzt sich am liebsten mit realen, nicht musealen Orten und Lebenssituationen auseinander; sowohl in seinen Interventionen wie auch bei seinen Führungen, die integraler Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit sind. Beispielsweise fotografierte er in der Arbeit «Am Kamin» (2009) im Zentrum für Gegenwartskunst NAIRS in Scuol laufend die Besucher im Kamin und montierte diese «Portraits von unten» an der Decke des Ausstellungssaales. Hierbei entstand eine Art barocker Himmel bevölkert mit den Besuchern der Ausstellung.

In der künstlerischen Arbeit «Öffentliches Eisen» (Dolendeckelführungen, 2007) beschäftigt sich Christian Ratti im Auftrag von «chur_interveniert» mit dem Churer Altstadtquartier. Mittels Stadtführungen geht er allem sichtbaren Eisen nach. Er inspiziert dabei v.a. gusseiserne Schachtabdeckungen, insbesondere jene mit der Inschrift «Giesserei Chur». In der Arbeit «Von Nagel zu Nagel» (seit 2007) arbeitet er sogar fast ausschliesslich mit Führungen, in denen er sich mit dem Museumsbetrieb hinter den Bildern (den Nägeln) auseinandersetzt. Zudem sind Führungen in der Nagelfabrik in Winterthur zum Thema „Industriekultur“ integraler Teil der Arbeit.

So ungewohnt die Werke von Christian Ratti auch erscheinen mögen und auch wenn hier sehr viel Schalk in den Arbeiten steckt, die künstlerischen Recherchen Christian Rattis sind nie unbedacht. Durch eine pointierte Abstraktion, eine gute Portion Ironie und schwarzem Humor schafft er immer wieder neue Denkanstösse und Gedankenverbindungen.

christian.ratti@web.de

Siehe auch:
NAIRS. AM KAMIN 2013 und Plan_Kamin_2013
Retrospektive AM KAMIN 2009-2013  am 25.6.2013 um 20.00 Uhr
Kamin_Chronologie_2009_2013
Kaminweltmeister

Fotos
1. Portraitfoto Christian Ratti 2012 von So:ren Berner
Werkbeispiele:
2. Industriekultur versus Kulturindustrie, Stadtführung in Zürich West mit Christian Ratti, Foto: Isabelle Krieg 2012
3. NAIRS. AM KAMIN Kaminsauna 2013, von Christian Ratti und Stefan Burger
4. NAIRS. AM KAMIN 2009, ursprünglicher Kamin am historischen Badehaus in Nairs
5. NAIRS. AM KAMIN 2009, 4 Aufnahmen: Kassetten-Decke des Kulturzentrum NAIRS mit Portraits von Besuchern am Kamin (s.o.)

Translation available / Traducziun disponibel : German, Romansh